Es ist Frühling, und ich bin verliebt.

Typisch Montreal: Ein Artikel aus meinem Archiv, bei dem es um typische Situationen und Erlebnisse geht, die man in der schönsten Stadt in Quebec, Kanada so erleben kann.
Geschrieben 2010, überarbeitet 2015.

Beitragsbild Dear Montreal

Unsere erste Begegnung vor vier Jahren bestand aus schlaflosen Nächten, wortkargen Frühstücken und tränenreichen Nachmittagen.

Ich habe den Blockbuster-Videoverleih besser kennen gelernt als Dich. Aus den aufregenden fremden Köstlichkeiten, auf die ich mich so gefreut hatte, sind Thai-Gerichte in Schachteln geworden, die ein Mann mit Schirmmütze vorbeibrachte.

Unsere Entdeckungsreisen fanden in der Mall statt und dauerten meist nicht lange. Zurück kamen wir nicht mit windzerzausten Haaren und neuen Bildern im Kopf, sondern nur mit Tüten voller Essen.

Obwohl ich ganz in Deiner Nähe war, konnte ich Dich nur selten erreichen. Ich habe mich eingesperrt gefühlt, obwohl ich wusste, dass die ganze Welt da draußen vor mir liegt. So war das mit uns.

Unsere kurze Episode fand in einem unserer dunkelsten Momente statt. Dennoch habe ich Dich nie vergessen. Trotz allem ist da Liebe, und Neugier auf alles an Dir, was ich im Oktober 2006 unentdeckt zurücklassen musste.

Meine wenigen Einblicke hinterlassen allenfalls eine Ahnung davon, wer Du bist:
Ein Underdog, anders als die anderen, und irgendwie ein bisschen stolz darauf. Lebensfroh mit einem Hauch Melancholie. Jemand, der sich einen Dreck um die Meinung anderer schert. Freiheitsliebend. Vielfältig. Verwirrend. Nie so, wie man denkt.

Dein Duft von Tarte aux Limon und schwarzem Kaffee kommt mir in den Sinn, gemischt mit dem Dunst von chinesischem Dim-Sum, gebuttertem Popcorn und einem wehmütigen, fast schmerzhaften Hauch von Zigarettenrauch. Wenn ich an Dich denke, höre ich das Glockengeläut vom Notre Dame, Geklapper von Pferdekutschen, und Menschen, die auf den Straßen in einer fremden Sprache schwatzend vorbeihetzen. Du sprichst diese Sprache, und dafür habe ich Dich immer geliebt.

Ich wollte unbedingt so werden wie Du.
Wollte Deine Sprache lernen, die seltsam nasalen Endlaute, die verschluckten Vokale, dieses kaum hörbare, weiche “s” wie in J’te d(s)ie, die religiösen Bilder in jedem Fluch – Tabernak! – und Deine schamlose Direktheit – N’importe quoi! Ich empfand mehr Zuneigung zu Dir als zu meinen eigenen Landsleuten, auch wenn sie noch so schönes Hochdeutsch sprechen.

Es lag nicht an Dir, dass ich damals gehen musste. Viele Male habe ich meine Entscheidung hinterfragt, habe bereut, dass ich Dir nicht mehr Zeit gegeben habe.

Wie oft habe ich versucht, aus den wenigen Erinnerungen, die mir bleiben, ein vollständiges Bild von Dir zu zeichnen. Ein paar Kupfermünzen, eine chinesische Kröte, die Reichtum verspricht, ein Ahornblatt. Rezepte für Pate Chinois und Rice Crispy Squares, eine Tüte mit Noix de Cajoux, Schmerztabletten der Marke Doli Rhume, ein französisches Wörterbuch für Kinder. Beweisstücke für Dein schönes Alltagsgesicht. Aber wie viel von Dir steckt in diesen Relikten? Wer bist Du?

Ich habe ja nicht einmal ein richtiges Foto von Dir. Nur eine verschwommene Aufnahme im Rückspiegel des beigemetallicfarbenen Buick – Be careful, objects may be closer than they appear, steht darunter. Closer than they appear, näher als Du denkst – vielleicht ist das die Täuschung, die uns in den vergangenen 4 Jahren voneinander ferngehalten hat. 6000 km, 9 Flugstunden – wenig, wenn man verliebt ist, aber viel zu viel, wenn man Angst hat.

Ich habe Dir nichts versprochen.
Unser Abschied war überstürzt, wortlos und traurig.
Ich habe nicht einmal gewusst, dass es ein Abschied ist.
Und danach dachte ich lange Zeit, es wäre für immer.

Heute halte ich die Arme auf und heiße Dich wieder in meinem Leben willkommen.

Ich werde Deine Sprache lernen, und endlich in Chinatown den Bubble Tea trinken, den Du mir so lange versprochen hast. Ich werde beim Depanneur einkaufen und im Jardin Botanique lustwandeln. Ich werde auf der Rue Ontario in einem billig erkauften Hostelbett ungeduldig auf den nächsten Morgen warten. Dann werde ich mit dem Tranport Public über den Fluss nach Brossard rüberfahren und all die Orte besuchen, die uns damals miteinander verbunden haben, so fest, dass es beinahe wehtat. Ich werde im Oratoire Saint Joseph ein Jubelgebet sprechen und mir den Bauch am Buffet Vegetarien vollschlagen. Am Lac Mephremagog werde ich sitzen, den iPod in der Tasche und die Töne von Harmonium im Ohr.

Den Fluss werde ich runterfahren, so wie wir es damals schon machen wollten. Und diesmal werde ich Fotos machen. So viele, dass ich sie zwischendurch auf CD brennen muss. Ich werde Pfannkuchen mit Ahornsirup und frische Buttercroissants frühstücken. Ich werde still sein. Ich werde lauschen. Ich werde all den Menschen zuhören, die Deine Sprache sprechen. Ich werde ihnen in die Augen blicken und Dein Spiegelbild darin sehen.

Ich werde Zigarettenkippen auf die Straße schnippen und mir Dir über Deine englischsprachigen Landsleute lächeln. Ich werde Touristen schief anblicken und ihnen Deine Kultur erklären, geduldig, wieder und wieder, so, als wäre es meine.

Ich werde in Dir aufgehen.
Wir werden endlich zusammen sein.

Ich komme zurück zu Dir, Montréal. Schon bald.

 

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