Sag Hallo zu Oma

Seit ein paar Wochen besteht mein Leben aus einer Aneinanderreihung von ersten Malen.
Von Sprüngen über den Schatten und einer fortlaufenden Erweiterung meiner Komfortzone.
Und dabei bin ich überhaupt kein Fan dieser Sprüche, dass man raus soll aus einer Komfortzone.

Denn warum soll ich meinen gemütlichen Platz im Leben verlassen, wo ich mich geborgen fühle und wo ich mich nach meinen Bedürfnissen häuslich eingerichtet habe? Warum raus in den strömenden Regen, wenn es drinnen doch so schön warm und huschelig ist?
Die Komfortzone ist mein Freio. Hier bin ich sicher und entspannt. Adrenalin muss leider draußen bleiben. Ich bin nämlich kein Fan von Adrenalin. Dagegen habe ich eine Allergie, davon bekomme ich Herzklabaster. Nein, danke!

Also – wofür soll ich diesen angenehmen und gemütlichen Ort aufgeben? Ja, genau: Wofür.
Ich hatte bisher kein Wofür. Jetzt habe ich eins, und das heißt Oma.

Oma ist 35 Jahre alt, knapp 7 Meter lang und wiegt 3,5 Tonnen.
Sie trinkt gern mal ein Schlückchen Benzin. Oder auch zwei.
Wie es sich für eine Oma gehört, hat sie ein H-Kennzeichen.
H wie Häkeldeckchen, Holundersirup und Himbeerkuchen mit Schlagsahne.

In Omas großem, gemütlichen Bauch kann man prima Kaffeeklatsch machen, Nudeln kochen, lesen, Tagebuch schreiben oder sich einfach auf einer von 2 bequemen Matratzen einhuscheln und eine Mütze Schlaf nehmen, Hörbuch hören oder Sterne gucken.
Eigentlich ist Oma selbst eine lebende (oder besser fahrende) Komfortzone.
Jedenfalls war das der Plan.

Oma ist ein altes Wohnmobil – ein Hymermobil S 660 von 1983. Mein neues Familienmitglied. Und die Erfüllung eines langgehegten Traums. Schon mit 16 habe ich von einem fahrenden Zuhause geträumt. Mein Studium stellte ich mir so vor: Ich stehe mit meinem bunt bemalten Hippie-Bus vor der Uni, putze mir im Uni-Waschraum die Zähne und bin immer super pünktlich in der Vorlesung. Und natürlich bin ich die coolste Sau auf dem Campus!

Dass ein „Bus“ – ein Zuhause auf Rädern – für mich damals die größte Freiheit bedeutete, davon zeugen nicht nur Bilder, die ich in dieser Zeit gemalt habe, sondern auch ein immerhin 64 Seiten langes handschriftliches Romanfragment.

Und jetzt. Bin ich erwachsen und habe eine Wohnung. Ohne Räder. Aber immerhin einen Job ohne Anwesenheitspflicht. Texten kann ich überall. Und habe ich auch schon: In Montreal, in Santiago de Compostela, in Sankt-Peter-Ording. Im Park. Im Zoo.

Damit das noch besser klappt, habe ich mir 2017 einen mobilen Internet-Router gekauft. Damit ich auch da WIFI habe, wo es kein WIFI gibt. Ich weiß es noch genau – am Abend, nachdem ich das kleine WLAN Kästchen gekauft hatte, kam mir plötzlich die Erleuchtung:
Alter – jetzt kannste wirklich überall arbeiten. Zum Beispiel auch in ’nem Wohnmobil.

Manchmal ist man so doof. Vergisst seine Träume, weil sie unerreichbar scheinen, und kommt nicht auf die einfachste Lösung. Dabei lag sie glasklar vor mir: Ich bin erwachsen. Ich verdiene Geld. Ich habe einen Führerschein. Ich kann mir mobiles Internet besorgen. Und plötzlich gibt es gar keine Hinderungsgründe mehr für die Wohnung auf Rädern.
Zum Glück ist es mir noch eingefallen.

Jetzt, gut ein Jahr später, steht Oma hier. Nicht direkt vor der Tür, denn hier gibt es keine 7 Meter langen Parkplätze. Aber im Nachbarstadtteil, in einer Seitenstraße, beschattet von einem großen Baum.

Wie aufregend das alles war! Mitte August hatte ich nur so aus Langeweile mal wieder meine Suche bei ebay Kleinanzeigen gescheckt. Und da war sie: Genau das Wohnmobil, das ich wollte. Zu genau dem Preis, den ich bezahlen wollte. Und das Beste: Nicht im Saarland stand sie, nicht im tiefsten Bayern oder an der Nordseeküste, sondern in Thüringen.
Gerade mal 100 km von meiner Wohnung (der ohne Räder) entfernt.

„Ist das jetzt eigentlich noch das Verkaufsgespräch oder schon die Einführung?“ fragte mich Omas Noch-Besitzer, während er mir die Truma Heizung erklärte und mich aufforderte, sie doch gleich selbst in Gang zu bringen, „damit Du schon mal weißt, wie es geht.“

Eigentlich wusste ich schon nach 10 Minuten, dieses Wohnmobil ist es, endlich! Während meiner einjährigen „Suche“ (Krampfhafte Auto- oder Wohnungssuche ist mir ein Graus, deshalb warte ich in solchen Fällen nach Möglichkeit mit Gelassenheit, bis das Gewünschte zu mir kommt) hatte ich meine Vorstellung vom Wunschmobil immer weiter verfeinert:

Ein Hymermobil. Mercedes soll es sein. Am liebsten ein 660er, wegen des Heckbettes. Bloß nix mit Alkoven, ich bin doch keine Sardine! Und unbedingt ein Oldtimer, also mit H-Kennzeichen. Wegen Steuer und Versicherung. Neuer TÜV bitte. Und keine gravierenden Mängel – ich kann (noch) nicht schrauben.

Insgesamt hatte ich mir bis dahin 3 Stück angeguckt. Einer war zu kaputt und zu teuer, einer roch nach feuchtem Keller, und beim dritten fehlten Heckbett und Dusche. Beim vierten war ich dem Hymer kurz abtrünnig geworden – ein schöner Bürstner T620 von 1992 – leider 3000 EUR zu teuer und das H-Kennzeichen noch in weiter Ferne.

Und jetzt. Stand ich hier in Thüringen auf einem Hof vor einem 660er Hymer. Mercedes! Mit H-Kennzeichen! Trocken! Keine gravierenden Mängel (abgesehen von den leberwurstfarbenen Synthetikvorhängen mit Fransenschabracke). 6900 EUR. Besitzer offensichtlich kein Halunke. Hurra!

Dienstag war die Besichtigung. Freitag war Oma in Thüringen ab- und in Leipzig angemeldet und ich konnte mit dem Zug  hinfahren und sie abholen. YEAH!

Und: Upps.

Erste Herausforderung: Fahren.
Einfach nur Fahren ist mit Oma ein schweißtreibender Balanceakt, denn die alte Dame hat eine Straßenlage wie ’ne Waschwanne auf hoher See. Während ich mit dem langen Schiff in der Stadt problemlos klarkomme, sind Landstraßen für mich ein Alptraum. Jeder Windstoß lässt Oma schwanken, jede Bodenunebenheit lässt sie undamenhaft auf und ab hüpfen wie ein Schulkind an der Eistheke. Und erst dieser Gegenverkehr! Passt der denn überhaupt an Oma vorbei? Ich so: Herzklabaster. Und kann mir mal jemand den Stirnschweiß abwischen???

Nächste Herausforderungen folgten. Wo und wie fülle ich den Wassertank? Und wieso kommt jetzt kein Wasser raus? Und (nach Entlüften der Pumpe durch Abschrauben des Schlauches und Einfüllen von Wasser per Hand) warum kommt jetzt auf einmal ÜBERALL Wasser raus? Zum Glück ist Omas Vorbesitzer wirklich kein Halunke, und so konnte ich noch mal nach Thüringen fahren und er hat die ganze Wassergeschichte repariert. Schuld war eine kaputte Armatur beim Waschbecken sowie eine komplett zerbastelte und festgerostete Duscharmatur. Danach ging’s! Und ich konnte mir auf einem wunderbaren Stellplatz bei Neustadt an der Orla im Wohnmobil nicht nur Ratatouille kochen, sondern sogar danach mein Geschirr abwaschen. Das ist Glück. Echtes, reines Glück.

Einzig der Kühlschrank geht noch nicht auf Gas.
Aber das kriege ich schon hin. Oder ich finde jemand, der es hinkriegt.

Ach ja, und dann musste noch das Ablassventil vom Boiler getauscht werden.
Ich wusste, wie es geht. Neues Ventil war da. Kein Problem eigentlich. Abgesehen von der Kleinigkeit, dass das Loch für den Ablauf kleiner war als das entsprechende Stück beim neuen Ventil. Das Teil passte nicht durch, verflucht! Was tun? Bei Oma ist alles immer etwas komplizierter, das kann man sich schon mal merken. Bohrmaschine ist keine Option, mangels Strom. Akkubohrer habe ich keinen. Wohnmobilwerkstatt in Leipzig bohrt keine Löcher, wegen Garantie. Stellplatz in Leipzig hat (noch) keinen Strom. Kumpel mit Erdgeschosswohnung und Steckdose hat keine Zeit. Die Lösung: Man braucht eine handwerklich findige Freundin, etwas Durchhaltevermögen, zwei Feilen und ein Küchenmesser! Jetzt sitzt das Ventil, wo und wie es soll – und Oma tropft nicht mehr. Puh!

Ach ja, und dann ist da noch die undichte Stelle an einer Schraube im Dachfenster. Beim letzten (und irgendwie auch ersten) ergiebigen Regen (dieses Sommers) tropfte es von dort auf den Tisch. Wir haben jetzt von außen Flugzeugreparaturklebeband draufgeklebt. Das hat magische Kräfte.

Alles, was tropft, ist schlecht für Oma, denn im Wohnmobil besteht vieles aus Holz. Und damit meine ich nicht die Schränke. Mehr so wichtige Teile wie Boden und Wände – und die sollen nicht schimmeln und gammeln. Deshalb muss immer alles schön trocken sein. Und ich kriege hektische Flecken, wenn ich es irgendwo tropfen sehe.

Ach übrigens, eine Lebensweisheit, die für Oldtimer-Wohnmobile ganz besonders gilt:

Nach fest kommt ab!

Kann mir das mal jemand auf ein Zierkissen sticken? Wär doch hübsch.

Ebenfalls neu für mich war das Ausgießen der Kassettentoilette. Ich bin jetzt immer scharf auf meine Freunde mit Erdgeschosswohnungen, weil ich keinen Fäkalienbehälter in den 3. Stock tragen möchte und weil ich eine ebenerdige Wasserleitung zum Nachfüllen des Wassertanks zu schätzen weiß. Aber zurück zu meinem Porta Potti (ein Hoch auf den Texter für diese Namensfindung!): Ich hatte erwartet, dass nur wohlriechende blaue Ersatzflüssigkeit rauskommt. Dem war nicht so! Seitdem werden hier auf dem Topf bitte nur noch kleine Geschäfte gemacht. Alles andere kommt bitte in eine eingespannte Mülltüte und wird sofort entsorgt!!!

Handwerksarbeiten liegen jenseits meiner Komfortzone. Ebenso das Herumschaukeln in einem instabilen Gefährt auf der Landstraße, mit einer Schlange von 10 ungeduldigen PKW hinter mir. Aber ich sprach ja vorhin vom Wofür. Das Wofür macht es nicht leichter. Es macht das Unbehagen nicht kleiner, und außerhalb der Komfortzone bläst auch beim schönsten Wofür ein ungemütlicher Wind. Aber: Das Wofür sorgt dafür, dass man es trotzdem macht. Die Handwerksarbeiten. Das Fahren. Das Wofür sorgt dafür, dass man diese Dinge hinnimmt – als Teil des Gesamtpaketes, das trotz der ganzen Turbulenzen immer noch schön ist und lohnend und wert, gemacht zu werden.

Und dazu komme ich jetzt.

Mein Wofür – oder: Was ist denn nun eigentlich soll toll an Oma?

Ich glaub, sie ist mein Ruhepol. Mit Oma geht alles langsam. Jeder Handgriff will gut überlegt werden, und das ist für mich langsame Schnecke unglaublich wohltuend.
In Oma muss Ordnung herrschen, sonst wächst einem das Chaos auf kleinem Raum schnell über den Kopf und man findet nichts wieder. Hier hat jedes Ding seinen Platz. Dass das im Leben nicht immer so ist, muss ich ja wohl nicht erwähnen. Deshalb ist es gut, einen Ort zu haben, wo es so ist.

Davon abgesehen, kann ich nur von Glücksmomenten wie diesen berichten:

Ich stehe auf einem Stellplatz mit Blick auf eine kleine Stadt im Tal. Wenn man von etwas erhöhter Position nach unten auf den Platz blickt, sieht man eine Reihe neuer Wohnmobile – blitzweiß und kantig – und meine wunderschöne alte Oma – als Einzige mit dem Hintern Richtung Tal stehend, wegen des Heckbetts. Mir geht das Herz auf, wie ich sie da so stehen sehe. Ich würde sie gegen keins der anderen Wohnmobile eintauschen.

Es dämmert. Auf der Gasflamme erhitze ich Olivenöl in einer Pfanne, schneide Gemüse und zerkleinere Knoblauch. Durchs Wohnmobil wabert ein köstlicher Duft. Ich fülle eine Schüssel mit dem fertigen Ratatouille, esse und lese im Schein einer Campingleuchte. Ich atme die kühle, frische Luft ein, nach den letzten Sommertagen mit bis zu 39 Grad eine Wohltat, und fühle tiefen Frieden. Ganz ohne Achtsamkeitskurs!

Später liege ich unter meinem warmen Schlafsack im Heckbett. Alle 3 Fenster um mich herum sind weit geöffnet. Es ist still. Ich sehe die Lichter der Stadt und den hellen Vollmond. Draußen und drinnen vermischen sich. Ich bin ganz in der Welt und gleichzeitig zu Hause – geschützt und geborgen durch eine Hülle aus Holz und Aluminium.

Am nächsten Morgen sehe ich einen rotgrünen Schatten vor dem Wohnmobil vorbeisausen. Ich schaue genauer hin – ein junger Grünspecht.

Das alles ist Glück.
Schönstes Omaglück.

Du hast noch Fragen zu Oma? Oder möchtest mir Tipps mit auf den Weg geben, was ich bei meinen ersten Abenteuern mit der alten Dame unbedingt beachten muss?

Ich freu mich auf Deinen Kommentar <3

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