Vom Glück auf Reisen: Meine Glücksmomente auf dem Jakobsweg

Dies ist ein Last-Minute-Artikel. Nach ein paar arbeitsreichen Wochen hänge ich ziemlich in den Seilen, aber die Reisemeisterei hat zur Blogparade aufgerufen, und heute Nacht um 0 Uhr ist Einsendeschluss. Dann werden alle Reiseglückartikel gesichtet und bei der Reisemeisterei in einem Gesamtartikel veröffentlicht. Da will ich dabei sein. Und zwar mit meinen Glücksmomenten vom Jakobsweg – denn da ist für mich das Glück besonders gut spürbar.

Reiseglück ist...Sonnenaufgang im Nebel
Reiseglück ist…Sonnenaufgang im Nebel

Auf dem Jakobsweg liegt das Glück im morgendlichen Nebel bei Sonnenaufgang. Im Knirschen der Steine unter den Füßen. Im der leuchtenden Farbe roter Kastanienblüten. In dem würzigen Duft, wenn die Sonne trockenes Holz und wild wachsende Kräuter mit ihren Strahlen erwärmt.

Reiseglück ist...blühende Kastanien
Reiseglück ist…blühende Kastanien

Du fühlst das Glück in den Füßen – wenn sie gesund sind und sich freuen, zu laufen. Aber auch, wenn sie am späten Nachmittag schmerzen und Du jeden Kilometer in ihren Knochen und Muskeln spürst. Es liegt im Schuhe ausziehen. Im Sitzen dürfen. Im Rucksack ablegen. Das Glück liegt im Bärenhunger nach einem langen Wandertag. In einem Stück Brot und einer Scheibe Käse. In einer kalten Dusche.

Reiseglück ist...auch mal die Füße ausruhen.
Reiseglück ist…auch mal die Füße ausruhen.

Das Glück liegt in den Ritualen der Pilgermessen, im Gebet, im Weihwasser und im Gespräch mit einem spanischen Priester darüber, wie denn die Hostie zu verzehren sei. Es liegt in den Spanisch- und Französischvokabeln, die sich, wenn Du gut zuhörst, nach ein paar Tagen wie von selbst einstellen. Und in den Ziegen, Kühen und Katzen, die sich streicheln lassen.

Reiseglück ist...tierische Wegbegleiter
Reiseglück ist…tierische Wegbegleiter

Das Glück liegt in neuen Freundschaften, in weiten Bergblicken nach einem anstrengenden Aufstieg und manchmal in schierer Fassungslosigkeit, dass so etwas überhaupt möglich ist. Dass in einer Welt, in der es Büros und Deadlines und Marketingchefs und Wettbewerbspräsentationen gibt, gleichzeitig diese einfache, stille Zufriedenheit existiert. Dieses Gefühl von Freiheit und Lebendigkeit und purem Lebensglück.

Reiseglück ist...Morgenrot in den Bergen
Reiseglück ist…Morgenrot in den Bergen

Besonders häufig zeigt sich das Glück auf dem Jakobsweg als Rettung in letzter Minute. Du kannst Dich getrost geborgen fühlen, denn auf irgendeinem Wege kommt alles zu Dir, was Du brauchst – genau im richtigen Moment.

Auf meinem ersten Jakobsweg, 2004, kaufe ich mir gleich am ersten Tag ein nagelneues Opinel-Messer. Ungefähr auf halber Höhe zwischen St-Jean-Pied-de-Port und Roncesvalles, also mitten in den Pyrenäen, will ich mir damit einen Wanderstock schnitzen. Die scharfe Klinge rutscht ab – und landet in meinem Daumen. Das Blut tropft nur so und mir wird flau. Zum Glück bin ich wegen Schneegefahr auf der Landstraße unterwegs, wo ab und zu ein Auto vorbeikommt. Bei der nächsten Gelegenheit werfe ich mich todesmutig vor einen Wagen mit  zwei Spaniern und halte ihnen, mangels Sprachkenntnissen, meinen blutenden Daumen vor die Nase. Sie heißen mich einsteigen und bringen mich in eine Arztpraxis, ein paar Kilometer bergabwärts. Der Arzt sieht mich mit meinem Rucksack und meinem blutenden Daumen, und lacht wissend. Er klammert die klaffende Wunde zusammen und verpasst mir einen schönen weißen Verband. Auf die Frage, was die Behandlung koste, winkt er nur freundlich ab: „Ach, das war doch nichts. Buen Camino!“ Mit einem eigenartigen, warmen Gefühl ums Herz ob der erfahrenen Freundlichkeit setze ich meinen Weg fort – ähm…jedenfalls bis zum nächsten Ort, wo mich zwei Pilgerinnen aus Brasilien bzw. Holland dazu einladen, ihr gerade bestelltes Taxi mit ihnen zu teilen. Ich sei schließlich versehrt und der Weg noch weit 🙂

Reiseglück ist...ein Messer und was zu Schneiden – aber nicht der Daumen!
Reiseglück ist…ein Messer und was zu Schneiden – aber nicht der Daumen!

Eines Samstags, in der heißen Mittagssonne, irgendwo in der Meseta.
Mein Rucksack ist leer – jedenfalls was Nahrungsmittel betrifft, und ich habe Hunger. Das wichtigste Grundnahrungsmittel ist Brot, knusprige weiße Baguettes, die es hier in jedem Supermarkt gibt. Nur nicht in dem, an dem ich vorbeikomme. Hier ist das Brotregal ratzekahl leer gekauft. „Gibt es noch Brot?“ frage ich die Kassiererin. Sie schüttelt bedauernd den Kopf. Dann hält sie inne. Überlegt. Steht auf – „einen Moment bitte“ – und kommt kurze Zeit später mit einem Brot wieder. „Hier – das hatte ich für meine Familie gekauft. Aber wir haben noch altes Brot zu Hause. Du kannst es haben. Du brauchst es nötiger.“

Reiseglück ist...Frühstück im Gehen
Reiseglück ist…Frühstück im Gehen

Eines Abends in Villafranca del Bierzo – in der Herberge eines gewissen Jesus Jato, der den Ruf hat, ein ganz besonderer Hospitalero zu sein. Ich habe mir in den letzten Tagen eine Erkältung erlaufen, zu der auch ein hartnäckiger, bellender Husten gehört. Es ist ein warmer Sommerabend, und als alle ins Bett gehen, schleiche ich mich leise aus dem Schlafsaal und baue ich mir mein Bett auf einer der Holzbänke im Freien. Ich möchte mit meinem Husten nicht den ganzen Schlafsaal wach halten. Auf drei mehrfach gefalteten Wolldecken lege ich mich zur Nachtruhe. Natürlich werde ich „erwischt“, vom Älteren der beiden Hospitaleros – ob das wohl der berühmte Jato ist? Ich erkläre ihm mein Hustenproblem, er nickt freundlich und zeigt mir einen viel besseren Schlafplatz: Eine Matratze auf den soliden Esstisch unter freiem Himmel gelegt, und fertig ist das Bett unter den Sternen. Er verschwindet kurz und kommt mit einem Glas Wasser und drei Tütchen Hustenlöser wieder: Alle 8 Stunden eins nehmen und gute Besserung. Dankbar und gerührt schlafe ich wunderbar, an der frischen Luft, mit Blick auf den Sternenhimmel.

Reiseglück ist...ein Bett unter den Sternen.
Reiseglück ist…ein Bett unter den Sternen.

Ein geschenkter Sonnenhut.
Eine Salbe gegen Sonnenbrand.
Ein paar homöopathische Kügelchen.
Jemand, der sein Brot mit Dir teilt.
Ein offenes Ohr.
Jemand, der Dich den Berg rauf überredet.
Ein lustiges Gespräch auf Spanisch.
Eine Führung durch die Kathedrale in Leon.
Ein geschenkter Krimi von Henning Mankell.
Ein Fremder, der Dir eine archäologische Ausgrabung zeigt.
Der Milchmann, der Dich ein paar Kilometer mitnimmt, weil Du in San Bol was vergessen hast.
Die Mönche, die noch das letzte Bett für eine müde Pilgerin frei machen.
Reiki gegen Nasenbluten.
Ein geschenktes Kopftuch.
Pflaumen am Wegesrand mit einem Schild „Bitte mitnehmen.“

Ich könnte unendlich viele Geschichten erzählen, Geschichten vom Glück, von der Rettung, der Magie des Weges und von kleinen Wundern. Aber ich muss jetzt aufhören. Denn erstens ist es gleich Mitternacht. Und zweitens – droht das Ganze hier in schrecklichen Kitsch abzugleiten! Denn ich bin versucht, noch ein wenig zu dozieren: Darüber, dass das ganze Jakobswegsglück nicht einfach so passiert. Sondern dass in Wirklichkeit die Menschen auf dem Weg das Glück und die Wunder selber machen. Einfach so! Und dass das wahre Wunder des Jakobsweges ist, dass selbst die unnettesten Menschen auf ihm plötzlich eine Neigung zur Nettigkeit verspüren. Und als Nächstes würde ich dazu anregen, dass man das ja auch zu Hause mal ausprobieren kann. Und dann würdet Ihr Euch alle furchtbar belehrt vorkommen. Und deshalb – ende ich jetzt hier endlich.
Sonst kriege ich auch viel zu viel Sehnsucht.

Also, liebe Lesefröschchen – geht einfach selbst pilgern! Und schreibt mal Kommentare – ich kriege nämlich gerade nur Spam-Kommentare, und das nervt ziemlich…

Vom Reiseglück anderer Leute lest Ihr hier!

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