Meine Jahreshighlights 2016 // Teil eins

Las dos Marias in Santiago de Compostela

Willkommen im neuen Jahr, Ihr Hasen!

„So schlimm wie 2016 kann 2017 gar nicht werden“ schwebte mir zunächst als Titel für diesen Artikel vor. 2016 war anstrengend und für mich in privater Hinsicht ein echt kräftezehrendes Jahr. Aber je länger ich drüber nachdenke, desto mehr finde ich auch Gutes. (Vor allem jetzt, da es vorbei ist!) Ich habe tolle Reisen gemacht. Ich habe so viele Bücher gelesen wie lange nicht mehr. Neben Liebeskummer, drölfzig Erkältungen, Knieschmerzen und entweder zu viel oder zu wenig Arbeit gab es auch schöne Dinge und Themen, die mein Jahr geprägt und bereichert haben. Hier sind sie.


1. Holladio: 
Heidi!

Berghütte in Südtirol

Eigentlich wollte ich natürlich nicht Sonntags morgens um 11 ins Kino. Am hellichten Tag! Aber es gab „Heidi“, und ich liebe Berge – also bin ich doch mitgegangen. Und war entzückt. Natürlich kenne ich die Geschichte von Heidi aus meiner Kindheit. Aber bei der Neuverfilmung habe ich ganz andere Aspekte entdeckt: Sich in den Bergen frei und unbeschwert fühlen. Sich in der Natur zu Hause fühlen, während einem die Stadt wie ein graues, schweres Gefängnis vorkommt. Das höre ich oft von der besseren Hälfte und kenne es auch selbst, wenn ich mal wieder für Tage an meinen Texterschreibtisch gefesselt bin und die Sehnsucht danach wächst, irgendwo in Südtirol an einem plätschernden Bergbach zu sitzen. Abgesehen davon ist die Geschichte wunderschön anzuschauen und hat auch für Erwachsene witzige kleine Momente zu bieten. Wie der Alm-Öhi Hannelore Hoger zum Schnapstrinken verleitet, das kann man sich auch gut zwei- oder dreimal angucken.

Im Anschluss an den Film habe ich mir „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ und „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“ (Es!) von Johanna Spyri aufs Kindle geladen und die Geschichte noch einmal ganz anders erlebt. Die zwei Klassiker sind unbedingt lesenswert!!! Abendelang habe ich mich unter meinem warmen Federbett gefühlt wie im Stroh auf Alm-Öhis Dachboden, während bei mir im dritten Stock die Februarstürme durchs Balkongeländer pfiffen. Herrlich! Die Geschichte liest sich flüssig und setzt einen angenehm langsamen Gegenpol zur täglichen Feuerwehrtexterhektik. Lest das, Ihr Hasen.

Ach so: Um den Kreis zu schließen, habe ich zu Weihnachten die DVD Box mit der Heidi-Zeichentrickserie von 1974 bekommen. Da habe ich als Kind schon mitgefiebert, als der Rollstuhl der blonden Klara in der Schlucht am Felsen zerschellt ist. Die Serie kommt aus Japan, wo sie auchアルプスの少女ハイジ heißt („Alpenmädchen Heidi“), und wurde von den Gründern des späteren Studio Ghibli produziert.
Die DVD mit dem Film von 2015 gibt es hier, die Serie hier. Die Bücher gibt es in vielen Varianten, unter anderem auch als kostenloses Kindle-eBook.

Ach übrigens: Eine weitere literarische Entdeckung, die mit Bergen zu tun hat, ist die wunderbare Erzählung „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler. Das Buch hätte eigentlich einen eigenen Punkt in dieser Aufzählung verdient – aber ich plane noch einen Bücher-Artikel, in dem es auf jeden Fall mehr Platz bekommt.


2. Ein Monat in Santiago de Compostela

Kathedrale von Santiago de Compostela im Sonnenuntergang

Ich bin gerne woanders. Und ich bin gerne zu Hause. Was tun? Die Lösung: Einfach immer mal woanders zu Hause sein. Von Mitte Mai bis Mitte Juni 2016 zum Beispiel in Santiago de Compostela. In kleinen Altbauwohnung in der Rua Nova, mitten im Herzen der Altstadt. Vier Wochen lang habe ich die Höhen und Tiefen des Alleinreisens bzw. des Alleine-Wo-Seins genossen. Von einsamen, schlaflosen Nächten über Abendessen mit Fremden und Ausflügen mit meiner (bezaubernden, witzigen, liebenswerten) Vermieterin Maika bis hin zu langen Spaziergängen entlang des Rio Sarela, umhüllt von einem wuschig-warmen Glücksgefühl, war alles dabei. Hatte ich die ersten 2 Wochen noch voller Entsetzen befürchtet, die Zeit würde nie vorbeigehen, habe ich am Ende der vier Wochen vor Abschiedsschmerz in meinen Kaffee geweint: Muss ich jetzt wirklich mein geliebtes Santiago verlassen???
Ich komme auf jeden Fall zurück. Schließlich habe ich mein Herz hier verloren.
In einer Sesselritze. Im Lieblingsfrühstückscafé.


3. Hemingway

Ein Buch muss auf Reisen immer mit: „Glücklich wie die Könige“ – ausgewählte Briefe von Ernest Hemingway aus den Jahren 1917-1961, zusammengestellt von Carlos Baker. Es war schon auf dem Jakobsweg. Und in Südtirol. Ohne dass ich je eine Zeile darin gelesen habe. In Santiago war seine Zeit gekommen. Bei zahlreichen Cafe con Leche habe ich vom jungen Ernest und seinen Schriftstellerfreundschaften gelesen, von Reisen nach Spanien, in die Schweiz, vom Wandern, Skifahren, von seiner ersten Frau Hadley und der gemeinsamen Zeit in Paris, und davon, wie er Hadley mit einer gemeinsamen Freundin, Pauline Pfeiffer betrogen hat… WIEBITTEWAS? Ich war entsetzt. (Hier bitte innerlich Schrei-Emoji einfügen.) Und musste mehr wissen. Hemingway, bzw. seine Frauen (vier an der Zahl, wobei er die jeweils aktuelle Ehefrau im Vorfeld mit ihrer Nachfolgerin betrogen hat) haben mich durch den ganzen Sommer bis in den Herbst begleitet. Ich habe Hemingway-Biografien gelesen, die nett zu ihm sind. Und welche, die nicht nett zu ihm sind. Biografien über Lebenslust und unglaublichen Charme und Biografien über Zerrissenheit und Depression. Biografien, die Hemingways Leben nach seinen vier Ehefrauen in Phasen aufteilen. Eine sehr gute, ausführliche Abhandlung über die vier Ehefrauen. Zwei belletristische Titel, die das Leben mit Hemingway aus Sicht einer oder aller Frauen beleuchten. Und ich habe, zusammen mit der besseren Hälfte, die Hemingway-Serie von 2011 auf DVD gesehen. Mit Stacy Keach in der Hauptrolle und Bernhard Sinkel als Regisseur. Überzeugt nicht 100%, aber man kann sie sich mal ansehen.

Ich bin Hemingway-Forscherin und -Expertin geworden. Auf ne Art. Ich kann Vorträge über ihn und seine Frauen halten und Gespräche auf Parties mit dem Satz eröffnen: „Und, welche Ehefrau von Hemingway magst Du am liebsten?“ (Ich bin Hadley-Fan. Sie kam mit nassen Haaren zur Hochzeit, weil sie vorher noch mal kurz schwimmen war.) Ich habe in Griechenland auf einer Strandliege gelegen und bin in dieses fremde Leben und seine Zeit eingetaucht: Hemingway. Seine Frauen. Gertrude Stein in Paris. Die Buchhändlerin Sylvia Beach. Scott und Zelda Fitzgerald. Sara und Gerald Murphy. Die ganzen Schriftstellerkollegen und Verleger. Michigan. Paris. Pamplona. Key West. Fische. Schiffe. Alkohol. Wahn. Suizid. Legende.

Momentan ist bei dem Thema die Pausentaste gedrückt. Es mangelt an neuen Informationen. Hemingways Leben ist gelebt. Man kann es von allen Seiten betrachten, aber nichts Neues hinzufügen. Was es auf dem deutschen Markt über ihn und seine Frauen gibt, habe ich größtenteils durch. Wie weiter? Es gibt noch ein paar spannende Sachen auf Englisch, aber die sind mir, nun ja, zu englisch. Kann die mal bitte jemand übersetzen?

Hier ist eine Leseliste, falls Du auch Hemingway-ForscherIn werden willst.

4. Thru-Hiking

Wanderschuhe in der Meseta, Spanien, Jakobsweg
Am Anfang war das Buch. „Laufen. Essen. Schlafen“ von Christine Thürmer erwartete mich auf meinem Küchentisch, als ich aus Santiago zurückkehrte. Als alte Pilgerin muss ich natürlich jedes neue Buch übers Zufußgehen lesen, ganz klar. Frau Thürmer ist Thru-Hikerin. Wer wie sie den Pacific Crest Trail (4279 km), den Continental Divide Trail (ca. 5000 km) und den Appalachian Trail (babyhafte 3500 km) durchwandert hat, darf sich mit der sogenannten „Triple Crown“ schmücken. Das ist bei Hikern wohl sowas Ähnliches wie wenn man alle Achttausender erklommen hat. Die Trails befinden sich in den USA, dauern alle etwa 1/2 Jahr, und man durchwandert auf ihnen sämtliche denkbaren Klimazonen: Von heißen, trockenen Strecken in der Wüste bis zum Schneegestöber in der Sierra Nevada. Nach dem Lesen von Frau Thürmers Buch war ich vom Trailfieber gepackt, und einige weitere Bücher zum Thema haben den Weg in mein Bücherregal gefunden. Aber keine Panik: Ich werde wohl nicht zur Thru-Hikerin werden. Nicht etwa wegen der Menge an Kilometern. Das stelle ich mir herrlich vor. Aber abgesehen von der körperlichen Herausforderung haben die Trails noch andere Tücken, insbesondere logistischer Art. Mangels durchgehender Versorgung mit Trinkwasser und Essen muss man Wasser und Nahrung – wegen Gewicht und Kaloriendichte stehen bei den Thru-Hikern vor allem Erdnussbutter im Plastegefäß, Trail-Mix (haha) und Trockenfleisch hoch im Kurs – selbst mitbringen bzw. sich die Sachen vorher an strategisch günstigen Punkten postlagernd als Paket schicken. Und dann so lange auf dem Rücken tragen, bis alles aufgegessen ist. Es gibt kaum Herbergen oder Hotels, stattdessen schläft man unter freiem Himmel. Auf manchen Strecken ist ein Bärenkanister vorgeschrieben, um alles Essbare geruchssicher eingeschlossen vor Schwarz- und Grizzlybären zu schützen. Alternativ kann man alles, was lecker riecht, auch in einen Sack packen und am Seil einen Baum hochziehen. Sofern es einen gibt.
Irgendwann möchte ich furchtbar gerne mal da hin. Vielleicht nicht zum kompletten Thru-Hiken. Aber für ein paar Tage den großen Zeh in das Hiker-Abenteuer zu tunken, das würde mich schon gefallen.


5. Auf dem Balkon schlafen

Nachdem die Bessere Hälfte drölfzigmal betont hat, wie gut es sich auf ihrer Dachterrasse schläft, dachte ich: Das kann ich auch. Und räumte meine Zweitmatratze auf den Balkon. Noch ein Kissenbett für die Katze, eine kleine Batterieleuchte ans Regal geklemmt, und fertig war der schönste Outdoor-Schlafplatz der Welt. Mit Sternenblick und frischer Luft. Herrlich!
Zur Krönung habe ich im Balkonbett eins der allertollsten Bücher meines Jahres gelesen – „Thru-Hiking will break your heart“ von Carrot Quinn. Ich habe mit Carrot gefroren, gehungert, geschwitzt, gejubelt, habe bei ihren Liebeswirren mitgefiebert und mit ihr die Nase über die immer gleiche Hiker-Verpflegung gerümpft, und mich mit ihr über warme Duschen und Trail Magic gefreut – alles unter meinem warmen Federbett, mit einer kochendheißen Wärmflasche an den Füßen. Einmal angefangen, konnte ich nicht mehr aufhören – und habe noch bis September im Balkonbett geschlafen. Erst im Oktober habe ich die Hoffnung auf eine letzte warme Nacht aufgegeben und die Matratze wieder weggeräumt.
Good Bye, schönes Balkonbett! Bis zum Frühjahr.

So. Damit dieser Artikel noch in diesem Jahr fertig wird, mache ich jetzt zwei draus.
Highlight Nummer 1-5 hast Du gelesen. Bei den Highlights Nummer 6-9 wird es nicht nur ziemlich heiß, es riecht auch noch Pferd und Benzin. Außerdem werden Weihnachtslieder gespielt.
Bleib dran!

Was waren eigentlich Deine Highlights in diesem komischen Jahr 2016?
Ich bin gespannt und freue mich auf Deinen Kommentar.

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PPS: Die Damen auf dem ersten Bild, die Dir so freundlich ein frohes neues Jahr wünschen, sind übrigens „Las dos Marias“ aus Santiago de Compostela. Bis Ende der Siebziger Jahre konnte man die beiden exzentrischen Schwestern täglich Punkt 2 Uhr durch die Gassen von Santiago spazieren sehen. Meine spanische Vermieterin hat die beiden noch gekannt – und sich als Kind vor ihnen gefürchtet…

 

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