Café Casino

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An einem Samstag im Oktober sitze ich im Café Casino, meinem Lieblingscafe in Santiago, blicke hinaus in den typisch galicischen Regen, und heule mir die Augen aus.

Ich habe vor der Reise meinen alten Osprey-Rucksack gepackt und reise mit leichtem Gepäck, praktischer Kleidung und gut eingelaufenen Wanderschuhen. Trotzdem bin ich in diesem Jahr keine Pilgerin, sondern „nur“ Touristin. Draußen im Regen ziehen durchnässte Pilger vorbei, denen das Wasser von den gelben, grünen oder auch durchsichtigen Regenjacken perlt, und ich habe Sehnsucht.

Schon so oft habe ich hier im Café Casino in diesem abgewetzten Sessel am Fenster gesessen. Immer voller Glück. Egal, wie es Dir vorher ging – nach über 600 km zu Fuß bewältigtem Jakobsweg bist Du glücklich und das Leben ist wunderschön. Der Kopf ist durchgeputzt und Du hast neue Ideen. Du hast Frieden geschlossen mit den Kümmernissen der Zeit davor – blöde Liebesgeschichten und alles andere, was Dir wehgetan und Dich niedergedrückt hat. Du bist voller Frieden. Offen. Empfindlich wie ein rohes Ei. Du bist wohlig müde, aber Dein Körper ist sonnengebräunt und gestärkt. Du denkst, dass Du alles schaffen kannst. Du hast kleine und große Wunder erlebt – milde Gaben, Rettung in letzter Minute, alte spanische Mütterchen, die Dir BUEN CAMINO wünschen. Du weißt, dass die Welt gut ist und die Menschen voller Mitgefühl sind. Du hast die Aufhebung aller Grenzen erlebt und Freundschaften mit Menschen aus Kanada, USA, Japan und Brasilien geschlossen. Du hast Dich aufgehoben und geborgen gefühlt, unter Freunden, viele km von zu Hause weg, bei Wind und Wetter. Du hast gelernt, was Du alles nicht brauchst, weil das, was Du immer bei Dir hast, ganz schön viel ist.

Und dann kommt der schwierigste Teil: Manche sagen, der eigentliche Pilgerweg beginnt erst, wenn man wieder zu Hause ist – und das Gelernte und Erfahrene mitnehmen will in den Alltag.

Was heißt das? Bleib mitfühlend. Bleib offen, auch wenn Offenheit heißt, sich wie ein rohes Ei zu fühlen. Sei ehrlich und zeige Dich. Verbinde Dich mit Anderen, und erinnere Dich daran, das Ihr alle die gleichen Sorgen, Bedürfnisse und das gleich Glück habt. Lebe einfach. Freu Dich über Genüsse: Eine Ruhepause, ein gutes Essen, ein nettes Gespräch. Vergiss nicht, dass das Leben einfach ist: Essen, wandern (oder etwas anderes tun), schlafen. Such Dir DEINEN persönlichen Weg – egal, was die Anderen sagen. Gehe in Deinem Tempo. Guck Dir die Landschaft an. Sei bereit, für was auch immer der Tag Dir bringt. Bleibe bei Dir.

Das kannst Du jeden Tag tun. Geh einfach los.

Wandmalerei "You'll never walk alone" auf dem Jakobsweg

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