Wie ich einmal in Barcelona auf dem Busbahnhof ausgeraubt wurde und 2 Flüge verpasste.

Das Leben kann so schön sein. Wenn man erst mal im Flieger sitzt.
Das Leben kann so schön sein. Wenn man erst mal im Flieger sitzt.

Vorhin zum Frühstück las ich einen Artikel über einen verpassten Flug & seine (vorrangig finanziellen) Folgen. Ich musste dabei sofort an einen eigenen verpassten Flug denken – genauer gesagt an gleich zwei Flüge innerhalb einer Woche. Mit einem herzhaften Grinsen. Flüge verpassen ist nämlich super – wenn man irgendwann Jahre später mal eine gute Reisegeschichte erzählen will.

Also. Flug Nummer 1:
Ein Dienstag im November. Ich sitze – nach einem Vorstellungsgespräch in Valencia und einer dreistündigen nächtlichen Zugfahrt – spätnachts in der Wartehalle des Busbahnhofs in Barcelona. Um 5 Uhr morgens will ich mit Ryanair von Girona nach Altenburg (bei Leipzig) fliegen. Um 3 geht der nächste Bus zum Flughafen, den muss ich kriegen.

Schläfrige Stimmung auf dem Busbahnhof. Ein paar Nachtgestalten hängen in den Sitzen, fahles Neonlicht, es ist still. Auf einmal betreten zwei Typen aufgeregt den Busbahnhof und fragen, ob ihnen jemand den Weg zur Plaza xyz zeigen kann. Sie wedeln mir mit einem Stadtplan vor der Nase und ich stehe auf und versuche mich auf der Karte zu orientieren und den kürzesten Weg auszuklamüsern – als ich aus dem Augenwinkel eine blitzschnelle Bewegung sehe. Ich blicke mich um. Mein Rucksack ist offen, das Portemonnaie ist weg. Die Mitreisenden zeigen träge zum Ausgang. Ich blicke mich zu meinem wegsuchenden Gesprächspartner um – der ist auch verschwunden, und mit ihm sein Kollege. Verdammt.

Während mir langsam und sozusagen tröpfchenweise dämmert, was das jetzt alles bedeutet (Oh Mann, mein Geld ist weg – also kein Schinkenbaguette und Café con Leche auf dem Flug. Nee, warte mal – ich hab auch keinen Ausweis mehr…also auch kein Flug…), raffe ich meine Klamotten zusammen und renne durch den Busbahnhof, auf der Suche nach den zwei Dieben. Ich bin zwar ein Schisser, aber auch stinkwütend, und immerhin haben die zwei mich übel gelinkt. Wenn ich die erwische! – dann sollen sie mir wenigstens meinen ganzen Ausweiskrempel wiedergeben. Das Geld können sie meinetwegen behalten.

Nach einer halben Stunde muss ich mir eingestehen, dass die zwei wohl über alle Berge der Stadt sind. Gleichzeitig ist auch der Ernst der Lage zu mir durchgedrungen. So. Jetzt passiert das also wirklich. Du bist ohne Geld und Ausweis nachts in einer fremden Stadt in einem fremden Land. Zum Glück habe ich bei solchen Sachen gute Nerven. Man kann es jetzt eh nicht mehr ändern – höchstens eine Lösung suchen. Die kommt mir gerade entgegen – in Form zweier Bahnhofs-Polizistinnen, die sich freuen, dass die unglückliche Touristin wenigstens Spanisch spricht. Ich muss ein paar Formulare ausfüllen und die beiden erklären mir, dass die Stadt Barcelona für solche Fälle kostenlose Notquartiere hat. Hier kann ich übernachten, und am nächsten Morgen um 9 Uhr schicken sie mir jemand vorbei, der mich zur deutschen Botschaft bringt. Bei allem Unglück: Die Barcelonesen sind gut organisiert!

Für das Notquartier gibt es eine Anlaufstelle, die Tag und Nacht geöffnet hat. Hier stelle ich mich einem freundlichen jungen Mann vor und erzähle noch mal ausführlich meine Geschichte. Da ich ja offensichtlich gut mit Spanisch zurechtkomme, schickt er mich allein zum Notquartier. Ich klingle an einem normalen Wohnhaus ein paar Ecken weiter und werde eingelassen. Auf dem Weg durch das dunkle, muffige Treppenhaus beschleicht mich kurz der Gedanke, dass gerade niemand weiß, wo genau ich bin – falls ich in dieser Nacht spurlos verschwinden sollte…nun ja, lassen wir das. Schnell an was anderes denken. Es wird schon gut gehen.

Nicht, dass der Rezeptionist in der Wohnung im 3. Stock besonders Vertrauen erweckend aussieht. Im Gegenteil. Die Wohnung mit abgeblättertem, dunkelgrünem Putz und fadenscheinigem Teppichboden wirkt ebenso klischeehaft wie der schnurrbärtige, rauchende Mann am Wohnungseingang, der mir einen Schlüssel aushändigt. Nummer 9.

Ich betrete ein fensterloses Zimmer (dunkelroter Putz, in den schon viele Bewohner mit spitzen Gegenständen etwas eingeritzt haben) mit Waschbecken, dünnen Wänden und einer nackten Glühbirne an der Decke und beschließe, sofort zu schlafen. Wenn Du aufwachst, ist es wieder hell und alles ist gut.

Durch die Türritze dringt ein Lichtstrahl aus dem Flur. Nebenan schnarcht jemand laut. Ich starre mit weit geöffneten Augen an die Decke.

„Señora?!“ Ein lautes Klopfen an der Tür, und ich bin hellwach. Mein Rucksack, die Klamotten, alles ist startklar. Ich öffne die Tür, und vor mir steht der schönste junge Spanier, den ich je gesehen habe. „Vamos?“ Es ist mein Retter, der mich zur deutschen Botschaft bringen wird. Halleluja! Ich lebe noch und habe die Nacht überstanden. Und als ich im hellen Sonnenlicht – es ist 8.30 am Morgen – auf der Straße vor dem Notquartier stehe, kann ich es sogar glauben.

Unter freundlichem spanischen Geplauder fahren wir durch die Stadt. Die Botschaft ist voll, ich warte den ganzen Vormittag, bis ich endlich mit einem feinen Herrn mit hanseatischem Spracheinschlag sprechen darf. Es ist alles gar nicht so einfach. Die Botschaft ist für Pass-Angelegenheiten zuständig und sonst für gar nichts. Wo kämen wir denn hin, wenn jede dahergelaufene ausgeraubte deutsche Bürgerin jetzt auch noch von hier aus Telefongespräche führen oder das Botschaftseigene Internet benutzen wöllte? Nach einiger Überredungskunst meinerseits darf ich dann doch mit meinen Eltern telefonieren, die dann ihrerseits mit dem ADAC telefonieren zwecks Organisation eines Ersatzfluges. Die Eltern transferieren Geld, das ich sofort ausghungert in Café con Leche und diverse Backwaren investiere, der ADAC ruft bei der Botschaft an und gibt Flugdaten durch, ich entscheide mich spontan für einen Spätnachmittagsflug und die Sache ist geritzt. Knapp 2 Stunden und ein paar Duty-Free-Frustkäufe später (ein herrlicher orangefarbener Schal, eine CD mit volkstümlicher spanischer Musik, ein Schinkenbaguette, Café con Leche, Schokolade) sitze ich im Flugzeug nach Leipzig. Und das ist auch gut so. Es ist Mittwoch nachmittag, und Freitag morgen um 8 muss ich in Berlin Schönefeld sein – dort wartet ein Flug nach Madrid auf mich.

Flug Nummer 2:
Zwei Tage später. Ich bin nicht gut im früh aufstehen. Trotzdem schaffe ich es, mit frisch gepackter Tasche pünktlich um 8 auf dem Airport Schönefeld zu erscheinen – immerhin von Leipzig aus. Freudiger Empfang von den Kollegen aus der Werbeagentur. Ende November ist ja schon fast Dezember, Dezember ist Advent und im Advent macht man Weihnachtsfeiern. Diese hier dauert zweieinhalb Tage und soll in Madrid stattfinden. Hotel und Flüge für alle Mitarbeiter und Freelancer inklusive.

Sekt und Kaffee machen die Runde, ich freue mich, dass ich pünktlich bin, und langsam macht sich die Truppe auf zum Check-In. Und vom Check-In zum Gate. Ist ja noch Zeit. Ich plaudere mit einem Grafikerkollegen, der sich vor lauter Flugangst schon das zweite Bier aufmacht. Beim Sicherheitscheck sind wir knapp hinter dem Rest der Truppe, meine sogenannten Flüssigkeiten werden besonders gründlich gecheckt, der Kollege soll bitte sein Bier noch vor der Sicherheitsschranke austrinken, und so gelangen wir knapp, aber wirklich NUR GANZ KNAPP hinter den Kollegen zum Gate. Und sehen noch, wie sich die Tür vor uns schließt. „Sorry.“ sagt die Flughafenangestellte, und ich denke, das kann ja wohl nicht wahr sein.

Ich rufe beim Agenturchef an, der mit den Kollegen – etwa 5 Meter von uns entfernt, nur durch eine Tür und die Unnachgiebigkeit der Easyjet-Mitarbeiter von uns getrennt – auf der anderen Seite steht: „Die lassen uns nicht durch.“ „Überreden Sie die Leute.“ „Ich versuchs ja schon.“ Keine Chance. Wir waren genau 30 Sekunden zu spät.

Die Reisenden auf der anderen Seite sind mittlerweile auf dem Weg zu ihrem (unserem!) Flieger, und der Dialog geht per SMS weiter. „Buchen Sie einen neuen Flug. Die Agentur bezahlt.“ Ich renne mit dem Biertrinkerkollegen, der jetzt erstmal ganz dringend eine Zigarette braucht, von Schalter zu Schalter und versuche, heute noch nach Madrid zu kommen. „Wenn nicht Tegel, dann vielleicht Schönefeld?“ rät der Agenturchef, und siehe da, ein Flug in Schönefeld ist noch zu haben – allerdings in sportlichen anderthalb Stunden. Wir nehmen die Beine in die Hand und rennen zum nächsten Taxistand. Schade, dass Taxis kein Blaulicht haben.

Um es kurz zu machen:
Im Taxi nach Schönefeld bekomme ich erstmal einen herzhaften Lachanfall. Wir sind rechtzeitig am Flughafen und dürfen in den Flieger einsteigen. Da man im Flieger nicht rauchen darf, muss ich beim Flugangstkollegen Händchen halten, aber wir erreichen Madrid bei bester Gesundheit und Laune – und nur 2 Stunden später. Die Chefs, wirklich großzügig, sehen über unsere kleine Panne hinweg. Tagesgespräch sind wir natürlich trotzdem.

Ein paar Wochen später bekomme ich die Nachricht, dass es mit dem Job in Valencia geklappt hat. Und nach ungefähr 3 Monaten, endloser Wartezeit in Leipzigs Behörden und der Bezahlung von etwa 120 EUR Bearbeitungsgebühren habe ich auch alle Papiere wieder zusammen. Uff.

Hinweis an besorgte Gemüter:
Ich war zu keiner Zeit meines Abenteuers wirklich in Gefahr. Ehrlich. Diese ganze Sache mit der Notunterkunft und dem Burschen, der mich zur Botschaft gefahren hat, war sehr gut organisiert und ich habe dadurch eher die Erfahrung gemacht, dass man auch in blöden Situationen Hilfe bekommt und gut aufgehoben ist. Und der Typ mit dem Schnurrbart hatte halt einfach keine Ahnung von Mode.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.